Интервью Андрея Архангельского на Радио Свобода, 16 октября 2024
Как цензура и самоцензура работают сегодня, на пересечении авторитарной и коммерческой логик? Почему именно сейчас средняя школа – одно из ключевых мест культурной борьбы и сопротивления? Что стало с гражданской средой 2012 года и как созревал массовый отъезд из страны? Как громко в условиях войны звучит эхо советской пропаганды? Какой протест и гражданская ответственность были возможны в СССР? Где в России искать “политического человека”?
Социальный теоретик, автор “Грамматики порядка” Александр Бикбов считает, что мы недооцениваем скрытые ресурсы российского гражданского общества. Даже в условиях диктатуры и цензуры оно способно к сопротивлению. При этом в России сейчас существуют разнонаправленные базовые социальные установки – от неприятия войны до ее нормализации и готовности к длительному сосуществованию с диктатурой.
Wie haben sich die Sprachcodes des russischen Regimes mit dessen Vollinvasion in die Ukraine verändert? Und von wo droht diesem Regime am ehesten Ungemach? Ein Gespräch mit dem Soziologen Alexander Bikbov.
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Und was änderte sich mit der Vollinvasion?
Seither lautet die klare Aufforderung an die Bevölkerung, sich die entsprechende Sprache anzueignen – eine Art pädagogischer Lernprozess im Schnelldurchlauf. Um der Repression zu entgehen, musste man sich positionieren. Das Regime inszenierte öffentlich mehrere Verfahren, um den Gebrauch «unangemessener» Wörter zu bestrafen, etwa «Krieg» und «Frieden». Da die Propaganda für verschiedene Zielgruppen gleichzeitig bestimmt und deshalb vielschichtig war, enthielten die Codes allerdings Widersprüche. Inzwischen haben die Menschen die erwünschten Codes weitestgehend erlernt.
Zaghaftes Schweigen und der Unwille, unbequeme Positionen zur Kenntnis zu nehmen, sind wichtige Bestandteile der täglichen Kommunikation: Seit dem Sommer 2022 sagen meine Gesprächspartner:innen, sie würden es immer öfter vermeiden, über kriegsbezogene Themen zu sprechen. Zum einen, weil sie nie sicher sein können, mit wem sie es zu tun haben und ob das Gegenüber sie nicht denunzieren würde. Zum anderen, weil sie nicht herausfinden wollen, dass das Gegenüber für den Krieg ist. Also wird weniger geredet.
Russlands Herrschaftssystem als mafiös und repressiv zu beschreiben ist verlockend, bei der analytischen Betrachtung seiner Entstehung sind diese Zuschreibungen jedoch wenig hilfreich. Für ein tiefgreifenderes Verständnis macht es Sinn die spezifische Funktionsweise des russischen Staatskapitalismus und seine Transformation unter Berücksichtigung der Einbindung Russlands in globale neoliberale Reformprozesse zu untersuchen. Daraus ergibt sich ein vielschichtiges Erklärungsmodell, das versucht, politische, gesellschaftliche und ökonomische Entwicklungen in Russland nach dem Februar 2022 besser zu verstehen. Und nicht zuletzt steht die Frage im Raum, was von Russland perspektivisch zu erwarten ist.
Referent*innen:
Alexander Bikbov, Soziologe mit dem Schwerpunkt Sozialgeschichte der sowjetischen Gesellschaft
How do authoritarian tendencies in governance sit together with market logic? Why has mercantilism returned to politics and how does it work? Sociologist Alexander Bikbov analyzes the deadly alliance of the neoliberal and conservative forces in contemporary Russia.
Как авторитарные тенденции в управлении согласуются с логикой рынка? Почему в политику вернулся меркантилизм и какова его механика? В интервью проекту “После” социолог Александр Бикбов рассказывает о смертоносном альянсе неолиберальных и консервативных сил в современной России.